Hintergrundinfos

Auf dieser Seite bieten wir Informationen aus und Links zu Studien zum aktuellen Stand der ambulanten kinder- und jugendpsychotherapeutischen Versorgung in Deutschland:

  • Es besteht eine Unterversorgung psychisch kranker Kinder und Jugendlicher mit ambulanten psychotherapeutischen Behandlungsplätzen – besonders in ländlichen Gebieten
  • Seit der Reform der Psychotherapierichtlinie zum 1.4.2017 verschärft sich die Situation dramatisch
  • Die Wartezeiten auf einen ambulanten Psychotherapieplatz sind immer noch zu lang
  • Die Möglichkeit der Kostenerstattung (§ 13 Absatz 3 SGB) einer kinder- und jugendlichenpsychotherapeutischen Behandlung in einer Privatpraxis wird durch die Krankenkassen erschwert oder blockiert
  • Bei langen Wartezeiten steigt das Risiko einer Chronifizierung der Störung
  • Jugendliche sind oftmals auf sich gestellt und überfordert in der Antragsstellung bei den Krankenkassen

Wer braucht eine Psychotherapie? Wie hoch ist der Bedarf?

  • Etwa jedes/r 20. Kind und Jugendlicher in Deutschland hat eine behandlungsbedürftige psychische Erkrankung (1)
  • Etwa jedes 5. Kind klagt über psychosomatische (psychische und körperliche) Beschwerden (1)
  • Insgesamt sind etwa 18 % der Kinder und Jugendlichen psychisch auffällig (1)

Wie ist das ambulante psychotherapeutische Versorgungsangebot?

  • Nur rund 71 % der Kinder und Jugendlichen, die eine Psychotherapie suchten bzw. für die eine Psychotherapie gesucht wurde, fanden ein Therapieangebot (1)
  • In ländlichen Gebieten ist das Versorgungsangebot neunmal geringer als in Kernstädten – 1 Psychotherapeut auf 23106 Einwohner in ländlichen Gebieten (1)
  • Der Anteil der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten an allen psychotherapeutischen Leistungserbringern erreicht jedoch nur einen Anteil von 12,2 %(1)
  • Gut die Hälfte der Patienten (51,9 %), bei denen die diagnostische Abklärung in der Sprechstunde ergab, dass eine Richtlinientherapie notwendig ist, muss sich vielmehr einen anderen Psychotherapeuten suchen (3)
  • Diese Weitervermittlung in eine Richtlinienpsychotherapie scheitert jedoch häufig. Über die Hälfte der Psychotherapeuten geben an, dass diese Vermitt-lung schwierig ist, wenn die Weiterbehandlung nicht in der eigenen Praxis möglich ist (3)

Wie lang sind die Wartezeiten?

  • Die Wartezeiten auf einen Psychotherapieplatz sind mit im Schnitt 19,9 Wochen (Studie der Bundespsychotherapeutenkammer 2018) immer noch zu lang (2)
  • In NRW beträgt die durchschnittliche Wartezeit auf den 1. Termin der Richtlinienpsychotherapie 23,1 Wochen (3)
  • In einer Praxis für Kinder und Jugendliche warten Patienten durchschnittlich knapp fünf Wochen (4,8) auf ein erstes Gespräch (3)
  • Die Behandlung von Kindern und Jugendlichen beginnt 17,8 Wochen nach der ersten Anfrage (3)

Welche Folgen haben Wartezeiten für die Patienten?

  • Wartezeiten sind für Menschen mit psychischen Erkrankungen eine erhebliche Belastung (3)
  • Mit zunehmender Dauer der Wartezeit steigt auch der Anteil der Menschen, die eine Behandlung gar nicht erst beginnen (3)
  • Mit der Wartezeit steigt aber auch das Risiko, dass sich psychische Erkrankungen verschlimmern, verlängern oder immer wiederkehren (3)

Was ist Kostenerstattung gem. 13 Abs. 3 SGB V?

  • Als gesetzlich Krankenversicherter ist es möglich, die Kosten für eine selbstbeschaffte Leistung gemäß § 13 Abs. 3 SGB V von der zuständigen Krankenkasse erstattet zu bekommen, also auch für psychotherapeutische Leistungen, sofern eine Behandlung bei einer Vertragspsychotherapeutin oder einem Vertragspsychotherapeuten in zumutbarer Zeit nicht möglich ist (5)
  • Nach § 13 Absatz 3 SGB V haben Versicherte einen Anspruch auf Kostenerstattung, wenn die gesetzliche Krankenkasse nicht in der Lage ist, eine „unaufschiebbare Leistung rechtzeitig zu erbringen“ (5)
  • Neben dem Nachweis der erfolglosen Suche nach einer Vertragspsychotherapeutin oder einem Vertragspsychotherapeuten müssen sich die Anforderungen an das Beibringen von Unterlagen für die Beantragung einer Psychotherapie im Rahmen der Kostenerstattung gemäß § 13 Absatz 3 SGB V am Sachleistungsprinzip der Psychotherapie-Richtlinie orientieren (5)

Wie wird die Ausnahmeregel Kostenerstattung gem. § 13 Abs. 3 SGB V als individuelle Lösung bei Indikation und Dringlichkeit einer ambulanten psychotherapeutischen Behandlung zur Sicherstellung des Versorgungsauftrags von den Krankenkassen genutzt? 

  • Zu Anträgen auf Kostenerstattung, jeweils 2017 im Vergleich zu 2016: (4)
    • Abnahme der Bewilligungsquote von 81% auf 47% (2016: durchschnittlich 11,5 von 14,2 Anträgen, 2017: 5,7 von 11,5)
    • Rückgang der durchschnittlich bewilligten Stundenzahl je Therapie um 24% von 37 auf 28 Sitzungen
    • Verlängerung der durchschnittlichen Bearbeitungsdauer der Kassen für einen Antrag um 29% von 6,6 auf 8,4 Wochen (4)
  • 88% der teilnehmenden PsychotherapeutInnen bejahten die Aussage, dass es Krankenkassen gibt, die die Kostenerstattung von Psychotherapie „grundsätzlich verweigern“. Am häufigsten genannt wurden dabei AOK, DAK, Techniker und Barmer (4)
  • Zusammenfassend hat sich durch die starke Restriktion der Bewilligung außervertraglicher Psychotherapien im Wege der Kostenerstattung durch die Krankenkassen die Situation therapiesuchender Menschen, die gesetzlich versichert sind, deutlich verschlechtert (4)
  • Da die Kostenerstattung gem. § 13 Abs. 3 SGB V als individuelle Notlösung zur Sicherstellung des Versorgungsauftrages unverändert im Gesetz steht und sich die Versorgungsdefizite in der Psychotherapie keinesfalls verringert haben, hat die in der Studie deutlich werdende flächendeckende Restriktion bei der Kostenerstattung von psychotherapeutischen Leistungen durch die Kassen starke Auswirkungen (4)
  • Das Recht der betroffenen PatientInnen auf eine zeitnahe Behandlung ihrer psychischen Erkrankung wird dadurch massiv eingeschränkt. Das derzeitige restriktive Verhalten der Krankenkassen könnte auch als Diskriminierung psychisch kranker Menschen interpretiert werden (4)

Quellen der Textausschnitte:

  1. Unterversorgung psychisch kranker Kinder und Jugendlicher – Bestandsaufnahme und Handlungsbedarf – Bundespsychotherapeutenkammer 2006
    Kostenerstattung ambulanter Psychotherapie in Privatpraxen

  2. Patienten sind in einer Schleife gefangen

  3. Studie der Bundespsychotherapeutenkammer 2018: Wartezeiten 2018

  4. Kostenerstattung in der ambulanten Psychotherapie Mitgliederbefragung der Landespsychotherapeutenkammern Baden-Württemberg, Bayern, Berlin, Bremen, Hamburg, Hessen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Saarland und Schleswig-Holstein Ergebnisbericht, 2018

  5. Kostenerstattung für Psychotherapie gemäß § 13 Absatz 3 SGB V weiterhin möglich und geboten, Donnerstag, 26. Oktober 2017