2019 und 2020

Bedarf 2019 und 2020

1 .    Welcher Bedarf erreicht Soulbuddies e.V.?

Im Jahr 2019 erreichten 163 Beratungsfälle die Angebote des Soulbuddies e.V., im Pandemie-Jahr 2020 waren es 291 Beratungsfälle; das entspricht einer Steigerung um 78% gegenüber dem Vorjahr.


Bei den 291 Anfragen in 2020 handelte es sich um folgende Zugangswege:


Von Januar bis Dezember 2020 unterstützte Soulbuddies e.V. bzgl. der 291 Anfragen Kinder und Jugendliche (im folgendem KuJ genannt) mit folgenden 2.231 Hilfen:

2.     Welcher Bedarf erreicht die Angebote der Systemversorgung?

Etwa fünf Prozent der unter 18-jährigen (bundesweit) war 2017 in einer ambulanten psychotherapeutischen Behandlung. Im Kreis Gütersloh leben 45.411 Kinder/Jugendliche zwischen 6 und bis unter 18 Jahren; demnach hätten sich hier 2.270 der unter 18-jährigen in einer ambulanten psychotherapeutischen Behandlung befunden. 14.077 Kinder/Jugendliche würden entsprechend der Ergebnisse der COPSY-Studie psychische Auffälligkeiten aufweisen, und das wiederum würde bedeuten, dass 14.077-2.270=11.807 KuJ zumindest nicht im Rahmen ambulanter Psychotherapie Unterstützung gefunden hätten. Ein kreisweites Monitoring der Systemversorgenden könnte hier Aufschluss darüber geben, immerhin handelt es sich im Kreis GT um die unklare Versorgungslage von mehr als jedem 4. KuJ.

3.     Welchen Einfluss nehmen die Lebensumstände während der COVID-19-Pandemie auf die psychische Gesundheit der KuJ?

KuJ sind entwicklungsbedingt vulnerabel, weshalb die COVID-19-bedingten Lebensumstände für sie besonders belastend sein können. Vor diesem Hintergrund wurde die bundesweite COPSY-Studie (Corona und Psyche) zur psychischen Gesundheit und Lebensqualität von Kindern und Jugendlichen während der COVID-19-Pandemie initiiert mit dem Ziel, Auswirkungen der Krise auf die psychische Gesundheit und Lebensqualität von Kindern und Jugendlichen zu erfassen. Für die Studie wurden im Mai und Juni 2020 insgesamt 1040 KuJ zwischen 11 und 17 Jahren und mehr als 1500 Eltern befragt.

Für den Untersuchungszeitraum zeigte sich u.a. mit 40% ein deutlich erhöhter Anteil der KuJ mit geminderter gesundheitsbezogener Lebensqualität (gegenüber zuvor 15%). Darüber hinaus litten die KuJ vermehrt unter psychischen Auffälligkeiten. Die Häufigkeit psychischer Auffälligkeiten stieg von 18% vor der COVID-19-Pandemie auf 31% während der Pandemie:

  • Symptomen einer generalisierten Angststörung +   9% (15% – 24%)
  • depressive Symptome                                                       + 11% (23% – 34%)
  • psychosomatische Beschwerden wie
    • Gereiztheit                                                                         + 14% (40% – 54%)
    • Einschlafprobleme                                                        +   5% (39% – 44%)
    • Kopfschmerzen                                                               + 12% (28% – 40%)
    • Bauchschmerzen                                                            + 10% (21% – 31%)

4.     Wie zeichnet sich das bei den Soulbuddies ab?

Nach den Ergebnissen der COPSY-Studie stieg bis zum 10.06.2020 die Häufigkeit psychischer Auffälligkeiten von 18% vor der COVID-19-Pandemie auf 31% während der Pandemie. Derzeit liegt keine weiterführende Aktualisierung der Studienergebnisse vor, allerdings ist es wahrscheinlich, dass der prozentuale Anteil psychischer Auffälligkeiten bei KuJ eher zugenommen hat.


Die Bevölkerungsstatistik des Kreises Gütersloh zählt insgesamt 65.417 KuJ im Alter von 0 – unter 18 Jahren; bei einer Häufigkeit psychischer Auffälligkeiten von 18% handelt es sich um 11.762, bei einer Häufigkeit von 31% um 20.279 KuJ im Kreis Gütersloh.

Entsprechend handelt es sich bei den Beratungsfällen des Soulbuddies e.V. Im Jahr 2019 um 1,4% der angenommenen 18%, im Jahr 2020 ebenfalls um 1,4% der diesen Zeitraum angenommenen 30%. Auf dieser Grundlage ist davon auszugehen, dass die Ergebnisse der COPSY-Studie sich hier entsprechend abbilden.

5.     Mit welchen Bedarfen ist in den kommenden Jahren zu rechnen?

Um die psychische Gesundheit von KuJ in Zeiten der COVID-19-Pandemie zu schützen und zu fördern, bedarf es gesteigerter Aktivitäten zur Prävention und Intervention von psychischen Störungen, um eine voraussichtlich bestehende Unterversorgung hinsichtlich der Diagnostik, Begleitung und Behandlung von Kindern und Jugendlichen mit psychischen Problemen anzupassen. Wie vor der Pandemie können KuJ auch während der COVID-19-Pandemie in akute Krisen geraten. Gerade dann ist es besonders wichtig, Versorgungsstrukturen zu stärken und präventive Maßnahmen zu etablieren.

Die Forschungssektion Child Public Health am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (COPSY) betont für vulnerable KuJ die Bedeutung gezielter Präventions- und Interventionsprogramme, die niedrigschwellig und flächendeckend erreichbar sind. Wo diese nicht vorhanden seien, sollten sie entwickelt und finanzielle Mittel dafür bereitgestellt werden.

Aktuelle Spotlights: Mitte Januar 2021 teilte die Kinder- und Jugendpsychiatrie des Uniklinikums Tübingen mit, dass dort im Moment anderthalb bis doppelt so viele Notaufnahmen wie sonst zu verzeichnen seien. Die Diagnose „Erschöpfungs-Depression“ zähle mittlerweile zu den häufigsten. Tanja Hechler, Professorin für Klinische Psychologie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters an der Uni Trier konstatiert eine weitere Zunahme der psychischen Probleme während des 2. Lockdowns. Grund sei die Ungewissheit, die Bedrohung durch die Mutationen und schlicht die Dauer – je länger ein sogenannter Stressor anhalte, desto schlimmer die Konsequenzen. Eine weitere Zunahme psychischer Probleme bestätigt auch Julian Schmitz, Leiter der Psychotherapeutischen Hochschulambulanz für KuJ an der Uni Leipzig, besonders betroffen seien Kinder mit psychischen Vorbelastungen.

In der Zusammenschau legen die ersten nationalen und internationalen Untersuchungen sowie die Befunde früherer Krisen und Epidemien nahe, dass die Pandemie auch in Deutschland zu einer Zunahme psychischer Probleme in der Bevölkerung allgemein führen wird, und damit ausgeprägt also auch bei Kindern und Jugendlichen.

Das Kindes- und Jugendalter ist, bezogen auf die gesamte Lebensspanne, ein besonders vulnerabler Zeitabschnitt für die Entwicklung psychischer Störungen. Etwa 50% der Menschen, die im Laufe ihres Lebens eine psychische Störung entwickeln, weisen die erste psychische Störung bereits vor dem 14. und weitere 25% vor dem 24. Lebensjahr auf. Ein psychisch gesundes Kindes- und Jugendalter verringert also das Risiko, als Erwachsener eine psychische Störung zu entwickeln.

„Wir müssen aufpassen, dass keine „Corona-Generation“ heranwächst“, so der Vorsitzende des Berufsverbands für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie in Deutschland Gundolf Berg. Je länger die Corona-Pandemie andauert, je mehr leiden KuJ unter Ängsten und Stresssymptomen. Diese können ihrerseits zu einer Verschlimmerung vorhandener Symptome führen – bis hin zur Chronifizierung, oder zu neuen psychischen und häufig auch psychosomatischen Symptomen.

6.     In welchem Verhältnis stehen ehrenamtliche und hauptamtliche ambulante Angebote?

Niederschwellige und kurzfristige Erreichbarkeit von individuell ausgerichteter Unterstützung ist das zentrale Merkmal der Arbeit des Soulbuddies e.V.. Kriterien für niederschwellige Erreichbarkeit sind dabei v.a.

  • der besondere Schutz der Privat- bzw. Persönlichkeitssphäre bis hin zur Anonymität,
  • die Möglichkeit, Unterstützung unauffällig in Anspruch zu nehmen, sowie
  • Lebensweltorientierung bzw. alltagsnaher und formloser Zugang.

Realisiert wird dies vom Soulbuddies e.V. besonders auch durch die „Offene Sprechstunde“, die wöchentlich an verschiedenen Orten innerhalb des Kreises Gütersloh angeboten wird. In 2020 fanden innerhalb von 43 Schulwochen insgesamt 68 Offene Sprechstunden statt, dies an 5 verschiedenen Orten im Kreis GT.

Das Stundenkontingent der durchgeführten Hilfen in 2020 beträgt allein in Bezug auf die Psychologische Beratungen und die Akutbehandlungen 2.007 Stunden reine Behandlungszeit; hinzuzurechnen sind die Zeiten vor Vor- und Nachbereitung. Allein dieser Umfang entspricht im Vergleich zum Soll eines Kinder- und Jugendpsychotherapeuten der Jahresleistung von 2 Vollzeitstellen.